Betreff: sry
Eine SEPA-Ueberweisung mit dem Betreff sry taucht im August auf und beweist, dass eine Klassenkasse nie wirklich Ferien hat.
Am 30. Juni, kurz vor Mitternacht, herrschte in der Klassenkasse 4b endlich Frieden. Nicht der grosse, historische Frieden mit Blaskapelle und Taubenflug, sondern die kleinere, hausgemachte Variante: 31 von 32 Familien hatten bezahlt, die Tabelle war komplett gruen eingefaerbt, und ich habe die Datei ein letztes Mal umbenannt, wie es sich fuer ein ordentliches Finale gehoert, Klassenfahrt_Zoo_Juni_FINAL_v3_wirklich_endgueltig.xlsx, und den Laptop zugeklappt mit dem Gefuehl, gerade eine kleine Schlacht gewonnen zu haben.
30. Juni, 23:59 Uhr: Vorlaeufiger Frieden
Es fehlten 45 Euro von Familie Fischer, fuer den Zoo-Eintritt plus Trinkgeld fuer den Busfahrer, und ich hatte diese 45 Euro im Kopf schon in die Kategorie "regelt sich" einsortiert, weil man das nach zwei Jahren Kassenwart-Dasein einfach kann, so wie man eine Wetterlage einschaetzt, ohne aus dem Fenster zu schauen. Kein Mahnzettel im Ranzen, keine dritte Erinnerung auf dem Elternabend-Flur, einfach eine stille Notiz im Kopf: kommt schon noch, irgendwann.
Der Juli verging. Die Tabelle blieb bei 31 von 32, mein Handy blieb still, die Sonne schien, ich habe eine Postkarte aus Kroatien bekommen, die Nachbarn haben ihren Rasen dreimal gemaeht, und irgendwann Anfang August habe ich innerlich nicht mehr nachgehakt, sondern die 45 Euro einfach zu den Dingen gelegt, die man in der Erwachsenenwelt "wird schon" nennt, obwohl man genau weiss, dass "wird schon" eigentlich nur bedeutet: ich habe keine Lust auf noch eine Nachricht mit einem freundlichen Ausrufezeichen zu viel.
Nichts passierte.
Kurzer Exkurs, bleib dran
Schwalben, das nur nebenbei, kommen jedes Jahr auf den Tag genau zurueck an denselben Stall, oft innerhalb weniger Stunden Abweichung ueber Jahre hinweg, ein biologisches Uhrwerk, vor dem jeder Deutschlehrer eine Traene verdrueckt. Elterngeld dagegen kennt keinen Kalender. Es kommt, wenn der Resturlaub verbraucht, die Steuererklaerung fertig und das schlechte Gewissen gross genug ist, und keine Schwalbe der Welt wuerde sich das bieten lassen. Okay, zurueck zur Kasse.
12. August, 14:32 Uhr
Ich sass auf dem Balkon, Fuesse auf dem Gelaender, ein Eistee, der schon zu warm war, und dachte an nichts Wichtigeres als daran, ob ich noch einmal ins Wasser gehe, als das Handy vibrierte. Bankbenachrichtigung. Eingang: 45,00 Euro. Verwendungszweck: sry.
Kein Name im Betreff. Kein "Zoo", kein "Klasse 4b", kein Hinweis darauf, wer da gerade sein Gewissen ueberwiesen hat, nur dieses eine Wort, klein geschrieben, als haette jemand auf dem Weg zum Supermarkt schnell noch eine SEPA-Ueberweisung nebenbei erledigt und dabei mehr Zeit auf die Wahl der Milch verwendet als auf den Verwendungszweck.
Ich musste die Datei wieder oeffnen. Die FINAL-Datei. Mit dem Wissen, dass "final" in Klassenkassen-Sprache ungefaehr so verbindlich ist wie "kommt gleich" bei einem Handwerker.
sry
Ich habe kurz geschrieben, mehr aus Neugier als aus Notwendigkeit.
- Ich: Hey, kam gerade eine Ueberweisung rein, 45 Euro, Betreff sry. Seid das ihr, wegen dem Zoo im Juni?
- Herr Fischer: sry ja. Komplett vergessen. Erst Urlaub, dann die Badsanierung, dann nochmal Urlaub.
- Ich: Kein Ding. Ist laengst verbucht.
- Herr Fischer: War der Betreff okay so? War grad am Bahnsteig, hab schnell getippt.
- Ich: sry reicht mir vollkommen als Beleg.
Mehr kam nicht. Und ehrlich, ich habe mich ertappt, wie ich mitten im August, im Badeanzug, mit einer Genugtuung auf die Tabelle geschaut habe, die man normalerweise fuer groessere Lebensereignisse aufhebt. Das ist, zugegeben, ein bisschen krank. Eine Kassenwartin, die im Urlaub jubelt, weil eine Zelle von gelb auf gruen springt, hat vermutlich ein Problem, aber es ist ein Problem, das niemandem schadet ausser meinem eigenen Schlafrhythmus, denn ich habe diese Tabelle noch am selben Abend um 23 Uhr ein letztes Mal kontrolliert, obwohl niemand mich darum gebeten hatte.
Die App, die wir seit diesem Schuljahr nutzen, haette die Ueberweisung uebrigens automatisch dem Namen zugeordnet, weil sie Kontoauszuege selbst abgleicht, statt dass ich mit einer Excel-Datei und gutem Willen gegen einen Verwendungszweck von drei Buchstaben antrete. Aber das nur am Rande, das war an diesem Nachmittag nicht der Punkt. Der Punkt war: die 45 Euro waren da.
32 von 32
Die Tabelle heisst jetzt, folgerichtig, Klassenfahrt_Zoo_Juni_FINAL_v4_diesmal_wirklich.xlsx. 32 von 32. Kein Betrag mehr offen, kein Name mehr gelb markiert, kein Trinkgeld fuer den Busfahrer, das irgendwo in der Schwebe haengt.
In drei Wochen geht die Weihnachtsfeier-Kasse los.