Der Betrag fürs Lehrergeschenk fällt um 22 Uhr, ganz leise
Sammeln fürs Weihnachtsgeschenk der Klassenlehrerin. Niemand nennt die erste Zahl, also reisen Umschläge durch die Ranzen, bis der Elternvertreter tippt.
Tomasz Żyłka · 3 Min. Lesezeit
Am 4. November, 19:48 Uhr, fiel in der Elterngruppe der 3b das Wort „Weihnachtsgeschenk“. Die Erde stand still. Dann tippte jemand „Gute Idee!“, und die Erde drehte sich weiter, aber nur, weil sie das schon seit Milliarden Jahren so macht.
Bis 20:30 Uhr standen unter der Nachricht neun Daumen, drei Herzen, ein „Bin dabei!!“ aus dem ICE und eine Sprachnachricht über 4 Minuten 11 Sekunden, auf der man vor allem eine Waschmaschine im Schleudergang hörte. Einen Betrag nannte keiner. Aber alle waren sich einig, dass es einen gibt.
Die ungeschriebene Regel: Wer zuerst eine Zahl sagt, hat sie am Hals
Wer in einer Elterngruppe die erste Zahl nennt, wird damit Kassenwart auf Lebenszeit, so ungefähr wie der, der beim Elternabend zuerst „Ich könnte das machen“ sagt. Also tut es keiner. Man schleicht um den Betrag wie um ein Stück Kuchen, das keiner als Erster anschneiden will.
- „Hauptsache von Herzen“
- „Ich richte mich nach den anderen“
- „Was Angemessenes halt“
- „Und was ist angemessen?“
Bei „angemessen“ halte ich jedes Mal kurz inne. Danach kamen zwei Stunden gar nichts.
Der Umschlag im Ranzen
Am nächsten Morgen kam die Papierversion. In einem Ranzen steckte ein Umschlag mit „Frau Brandt“ drauf, und darin ein Fünfeuroschein, eine Zweieuromünze, eine Einzeleuromünze und ein Zettel: „Falls das nicht reicht, sagt Bescheid.“ Der Umschlag reiste durch drei Ranzen, zwei Brotdosen und eine Garderobe, wie ein Diplomatenkoffer, nur mit weniger Sicherheitsvorkehrungen. Wie viel am Ende wirklich drin war, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass jemand „ungefähr 9“ sagte und jemand anders „ich dachte 12“.
Ich bin Elternvertreter, die Zahl gehört irgendwann mir, ob ich will oder nicht.
Exkurs: der Pfandautomat
Neulich stand ich im Supermarkt am Pfandautomaten. Er sagte „2,25 Euro“, und ich nickte. Ich habe nicht nachgezählt, nicht verhandelt und nicht gefragt, ob das der übliche Betrag ist. Eine Maschine nennt eine Zahl, und alle akzeptieren sie, weil sie von keinem Menschen kommt.
Gut. Zurück zum Geschenk.
Am Abend darauf, 22:00 Uhr, ich tippe
Sechsundzwanzig Familien. Ich habe eine Datei, sie heißt Lehrergeschenk_final_v4.xlsx, und die Nummer vier ist schon ein schlechtes Zeichen. Bei 8 Euro sind es 208 Euro, bei 5 Euro 130. Ich schrieb um 22:00 Uhr eine einzige Nachricht:
„Vorschlag: 8 Euro pro Familie für einen Buchgutschein, bis Freitag, Link unten. Jeder Betrag zählt, und die anderen Eltern sehen nicht, wer wie viel gibt.“
- 22:01 Daumen hoch
- 22:01 Daumen hoch
- 22:02 Daumen hoch
- 22:04 „Überweisung oder PayPal?“
Beides, schrieb ich. Es war die erste Frage des Abends, auf die es eine Antwort gab.
Der trockene Teil
Eine Zahl lässt sich leichter sagen, wenn der Zahlweg gleich mitkommt. ClassKasa macht das mit einem Link: Eltern sehen, was sie zu zahlen haben, und wer schon bezahlt hat, sieht nur der Elternvertreter, was auch die FAQ in einfachen Worten sagt. Premium gilt pro Klasse, nicht pro Elternteil (Preise), bei 25 Familien sind das ungefähr 24 Cent pro Familie im Monat. Wer es lieber mit Checkliste mag, findet sie im Text Klassenkasse per WhatsApp oder App.
Wie auch immer.
Bis Freitag hatten vierundzwanzig von sechsundzwanzig Familien gezahlt. Eine zahlte versehentlich doppelt, und ich überwies den Rest zurück. Der Umschlag aus dem Ranzen ist übrigens auch angekommen, bei mir, mit einem Zettel: „Falls das nicht reicht.“ Es reichte.
Frau Brandt bekommt einen Gutschein über 192 Euro. Sie kaufte davon, wie ich später hörte, drei Taschenbücher und einen Kalender. Der Kalender hat keine Spalte für Beträge.