Die Woche, in der Günther blieb
Erste Schulwoche, drei Klassenkassen auf einmal, 60 ungelesene Nachrichten und eine Nacktschnecke im Sportraum. Ein Bericht aus der Elternvertretung.
Es war die erste Woche des neuen Halbjahres, der Morgen lag noch grau über der Straße, und ich, frisch gewählte Elternvertreterin der 4b, wachte um 6:58 Uhr in dem festen Glauben auf, ich hätte alles im Griff.
Ich hatte 60 ungelesene Nachrichten.
Der Plan war perfekt. Die Realität legte Einspruch ein.
Nicht eine Klassenkasse. Drei. Am selben Morgen. Der Schulmaterial-Satz, die Klassenkasse an sich und der Beitrag für den Förderverein, alle "bis Freitag" fällig, kein Datum, nur dieses "Freitag", das jeder Kalender anders auslegt. Die Liste hing seit Montag angepinnt oben in der Gruppe. Angepinnt. Oben. Seit Montag.
Der Chat, in der Reihenfolge des Auftretens:
- Für was ist das eigentlich?
- Kann ich in zwei Raten zahlen?
- Schon überwiesen 🙂
Sie hatte nicht überwiesen. Das weiß ich, weil ich am Freitag um Mitternacht jede einzelne Zeile mit dem Kontoauszug abgeglichen habe, so wie andere Menschen Kreuzworträtsel lösen, nur ohne Genugtuung am Ende.
Lena aus der ersten Reihe fragte, ob man das auch bar in einem Briefumschlag geben könne. Klar, sagte ich. Sag niemals klar.
Ein Foto, das keiner bestellt hat
Dann postete jemand ein Foto einer Nacktschnecke, die im Sportunterricht gefunden worden war. Vierzehn Daumen hoch. Innerhalb von acht Minuten. Für eine Schnecke.
Ein Papa, den ich bis heute nicht zuordnen kann, schickte eine Sprachnachricht von 4 Minuten und 51 Sekunden. Ich habe sie nicht angehört. Niemand hat sie angehört. Sie liegt da wie ein Zettel im Ranzen, den man erst im Juni findet.
Anschließend eine Überweisung: 44,99 € statt 45. Betreff: "Beitrag". Welcher der drei? Unbekannt. Es hätte auch "Danke für alles" heißen können, es wäre genauso hilfreich gewesen.
Der Umschlag reist Erster Klasse
Manche zahlten bar. Das heißt, das Geld reist im Ranzen eines Siebenjährigen zur Schule, im Umschlag, wie eine Diplomatenpost, nur dass der Kurier unterwegs sein Pausenbrot verliert und dann den Umschlag als Lesezeichen benutzt.
Also saß ich um 23:40 Uhr da, mit einer Tabelle namens beitraege_2026_ENDGUELTIG_v3_final(2).xlsx, was für sich schon ein Hilferuf ist, und spielte Detektivin: welcher Betrag gehört zu welchem Namen, und warum ergibt Spalte D exakt 44,99 € zu wenig. Herr Müller hatte "18" überwiesen, kein Betreff, kein Name, einfach eine 18, wie eine Losnummer. Frau Schneider hatte für zwei Kinder gezahlt, aber nur einen Namen dazugeschrieben, und zwar den falschen.
Ein Betreff lautete schlicht "der Papa von Felix". Danke. Sehr eng eingegrenzt.
Ich habe die Cent aus eigener Tasche draufgelegt. Nicht weil das viel wäre. Sondern weil ich eine Spalte, die nicht aufgeht, körperlich nicht ertragen kann. Das ist mein Problem, nicht Günthers.
Kurzer Umweg über die Erdmännchen
Wusstet ihr eigentlich, dass Erdmännchen Gruppenentscheidungen per Quorum treffen? Erst wenn genug Tiere in dieselbe Richtung rufen, zieht die Kolonie los. Kein pinnbares Dokument, keine Sammelklage im Chat. Sie rufen, sie zählen, sie gehen. Beneidenswert.
Naja. Zurück zu den Beiträgen.
Und dann, ganz nebenbei
Am Freitag stimmten wir ab, ob Günther, die Schnecke, im Klassenterrarium bleiben darf. Ja, wir haben der Schnecke einen Namen gegeben. Günther. Frag nicht.
Irgendwann bei Nachricht 61 dachte ich: dafür haben wir doch eine App gebaut, mit Link, mit klarem Betrag, mit "wer hat was gezahlt", damit ich um 23:40 Uhr nicht Cent an Namen knüpfen muss. Heißt ClassKasa. Egal.
Günther darf bleiben. Elf zu drei, zwei Enthaltungen, eine Stimme kam per Sprachnachricht, die wir nicht angehört haben.
Kein Stress. Zumindest für die nächsten fünfzehn Minuten.