Ich Habe Es Laut Gesagt. Zweimal. Präzise.
Ein Bericht vom Elternabend, ein Betrag wurde laut und deutlich verkündet, die gleiche Rückfrage kam vierzig Sekunden später in der Klassengruppe.
Der Plan für den Elternabend war einfach: pünktlich um achtzehn Uhr, fünf Tagesordnungspunkte, Punkt vier die Zahl, Punkt fünf Ende, spätestens neunzehn Uhr fünfzehn nach Hause. Die Realität hatte, wie so oft an diesem Ort, eigene Vorstellungen. Punkt eins dauerte zwanzig Minuten, weil zwei Eltern sich nicht einig wurden, wer beim letzten Sommerfest die Bierbänke zurückgebracht hat, und ein dritter Elternteil, der mit dem Fest gar nichts zu tun hatte, sich trotzdem zu Wort meldete, aus Prinzip. Punkt vier, meine Zahl, kam schließlich um neunzehn Uhr zehn.
Die Zahl war 19,50 Euro, für den Ausflug im Oktober. Nicht 18, nicht 19, sondern 19,50, weil ich am Abend vorher exakt nachgerechnet hatte, was der Ausflug wirklich kostet, und weil ungenaue Zahlen bei diesem Elternabend traditionell öffentlich korrigiert werden. Ich sagte die Zahl laut. Ich sagte sie langsam. Ich sagte "für den Ausflug" zweimal, beim zweiten Mal mit einem Blick durch den Raum, der Autorität signalisieren sollte.
Der Raum reagierte mit dem kollektiven, leicht schuldbewussten Blick, den man sonst nur bei einer überraschenden Preiserhöhung im Vereinsheim sieht.
Vierzig Sekunden, Die Für Alles Reichen
Vierzig Sekunden nachdem ich mich gesetzt hatte, kam in der Klassengruppe: "Entschuldigung, ist das jetzt für den Ausflug oder für den Kuchenbasar, die beiden Zettel kamen doch am selben Abend rum?"
Ich hatte gesagt: für den Ausflug, 19,50 Euro. Ich hatte das Wort "Ausflug" sogar unterstrichen, mit einem anderen Stift, extra.
Dann kam eine Antwort, die nur aus einem einzigen Wort bestand: "Verstanden." Verstanden wovon, blieb offen, und ich habe es nicht nachgefragt, aus Prinzip. Dann die Frage, ob bar bezahlen auch geht, dann jemand mit der Rückfrage, ob das Konto dasselbe wie letztes Jahr ist, dann, drei Minuten später, ein Foto vom eigenen Kalender, ohne Kommentar, ohne erkennbaren Zweck.
Dann kippte es.
Tagesordnungspunkt Null
Kurzer Themenwechsel, den ich mir hiermit selbst genehmige: die Reihenfolge von Tagesordnungspunkten ist ein Thema, dem ich mehr Lebenszeit widme, als ich in einem Lebenslauf zugeben würde. Jeder Elternabend in diesem Land folgt einer stillen, nirgendwo aufgeschriebenen Verfassung: erst die Begrüßung, dann die Bierbänke, dann, ganz am Ende, wenn die Hälfte schon gedanklich beim Auto ist, die Zahl mit dem Geld. Ich habe einmal überlegt, das Geld auf Position zwei zu setzen. Ich habe mich nicht getraut. Zurück zur Kasse.
Protokoll, Inoffiziell
- Ich, laut, langsam: 19,50 Euro, für den Ausflug, fällig Montag, den einundzwanzigsten.
- Die Gruppe, vierzig Sekunden später: "Ausflug oder Kuchenbasar?"
- Ich, tippend, sehr ruhig: für den Ausflug, wie eben gesagt.
- Jemand, fünf Nachrichten weiter: "ah super, danke!"
- Dieselbe Person, am Montag darauf: "sag nochmal, für was war das jetzt genau?"
Ich sage das ohne Groll. Ich habe selbst schon auf der anderen Seite des Raums gesessen und im Kopf durchgerechnet, ob die Waschmaschine wohl schon durch ist, während vorne jemand sprach. Niemand dort ist gleichgültig. Alle jonglieren sechs Dinge gleichzeitig, von denen 19,50 Euro, zu Recht, nicht das wichtigste sind.
Was mich zu der unpräzisen, aber ehrlichen Erkenntnis bringt: eine Zahl, die nur einmal laut im Raum steht, ist keine Zahl, sie ist ein Gerücht. Deswegen landet bei uns jede Zahl dort, wo Familien tatsächlich nachsehen: in einem Link, in ihrer eigenen Sprache, egal wie spät es gerade ist.
Hat Trotzdem Geklappt
Bis Donnerstag hatten neunzehn von sechsundzwanzig bezahlt, eine Familie hatte den Betrag versehentlich an das Kuchenbasar-Konto überwiesen, weil beide Zettel optisch fast identisch waren, und die Kuchenbasar-Verantwortliche schuldet mir jetzt, nach eigener Aussage, einen Kaffee.
Darauf warte ich, ehrlich gesagt, gerade konzentrierter als auf die restlichen 19,50 Euro. Die Tagesordnung für den nächsten Elternabend hat inzwischen einen eigenen, ungeplanten Punkt sechs: "Zettel eindeutig kennzeichnen." Er steht ganz unten. Vermutlich zu Recht.